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Was vom Tagen übrig bleibt – eine Nachlese zur Passivhaustagung 2011
Darf man das, 24 Stunden nach Ende der alljährlichen Passivhaustagung diese öffentlich kommentieren, gar kritisieren? Ja, man muss sogar, zumal die kritische Auseinandersetzung mit dem Event in den letzten Jahren nie stattfand, wie auch? Presse ist bei der Jahreskonferenz kaum zugegen, obendrein fachlich wenig sattelfest und die Teilnehmer aus Architektur, Bau- und Wohnungswirtschaft, von Herstellern, Dienstleistern, Verbänden, Hochschulen und Organisationen fühlen sich naturgemäß nicht dazu berufen. So war in den letzten Jahren wohl weniger vornehme Zurückhaltung die Ursache dafür, dass es an unabhängigen Kommentaren zur Tagung fehlte, sondern schlicht die Tatsache, dass sich niemand fand, der es hätte als seine Aufgabe sehen können. Es kommt freilich noch ein weiteres Moment hinzu: Eine Auseinandersetzung mit der Passivhaustagung könnte auch zu einem Rütteln an einem Denkmal geraten, und das will nun wirklich keiner, soll zumindest keiner wollen. Deshalb spüre auch ich eine gewisse Scheu und beginne diesen Artikel nicht grundlos mit der Frage „Darf man das…?“. Ich wage mich trotzdem daran.
Der Rahmen
Beginnen wir mit einem Blick auf wenig Verfängliches, auf den Rahmen der Veranstaltung. Das Team um Barbara Löbau hat Erfahrung und eine tadellos organisierte Tagung nach Innsbruck gebracht und abgehalten. Wenn es auch mal im Zeitplan klemmte, wurde professionell reagiert und gestaltet. Mehr Perfektion kann man nicht erwarten und der diesjährige Veranstaltungspartner – Congress Innsbruck – tat mit seiner modernen Tagungstechnik sein Übriges dazu. Mancher hätte sich einen zügigeren Check-In gewünscht, mancher einen Zeitplan, der mehr Zeit zum Wechseln der Räume lässt – aber: Irgendwas gibt es immer zu optimieren. Wie „Wetten, dass …?“ zieht auch der Tagungstross von Stadt zu Stadt und muss sich auf immer neue Gegebenheiten und lokale Partner einstellen, ein erhöhter Schwierigkeitsgrad also und doch bestens gelöst. Dafür, dass etliche sich nach zwei Tagen noch schwer mit der Orientierung im Kongresszentrum taten, kann nur das Gebäude selbst etwas. Wirklich enttäuschend war allenfalls das Catering: Von den Dresdnern und Frankfurtern wurde bei den letzten Tagungen nicht viel erwartet und doch war die Verpflegung vorzüglich. Schade, dass es jetzt ausgerechnet die Tiroler versäumten, Werbung für ihre eigentlich erstklassige Küche zu machen. Geschenkt! Wir waren schließlich nicht des Essens wegen da.
Das Programm
Sondern wegen der Inhalte. Und da bot die Tagung das gewohnt volle Programm. Zwischen den gemeinsamen Plenumssitzungen wurden vier Räume parallel mit Vorträgen bespielt, viele in englisch, viele mit Simultanübersetzungen, wenn es sein musste, auch für 15 Franzosen. Gewohnt groß wahr die Bandbreite der Vorträge. Der eine oder andere hätte eher auf das Herstellerforum gehört, manches glaubte man samt Vortragendem im Vorjahr schon gehört zu haben. Die Summe der Beiträge zeigte eines deutlich: Das Passivhaus ist 20 Jahre alt, das Wichtigste dazu wurde längst gesagt; die 15. Passivhaustagung hatte vor allem Detailfragen im Programm. Jede für sich hochspannend, für viele aber doch zu speziell, spitzfindig gar. Damit steckt die Passivhaustagung in einem Dilemma: Mit welchen Themen soll man die extrem heterogen zusammengesetzte Teilnehmerschar versorgen? Die einen beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Passivhaus und empfinden es als Zumutung, wenn Dinge zur Sprache kommen, die bei den Pionieren längst bekannt sind. Andere aber, dazu gehören viele der fremdsprachigen, aber auch zahlreiche deutschsprachige Teilnehmer, beschäftigen sich erst seit Kurzem mit dem Passivhaus und erwarten durchaus auch Know-how-Transfer auf Grundlagenebene. So erleben viele Kongressbesucher ein Phänomen, das seit den 80er Jahren bekannt ist: Die interessantesten Informationen werden oft in den Tagungspausen ausgetauscht. Viele Veranstalter kennen das Problem, reagieren lässt sich darauf mit modernen Kongressformen – es ist zu hoffen, dass die Passivhaustagung diesbezüglich in den nächsten Jahren offener wird und sich sukzessive erneuert. Damit soll nun aber keinesfalls die Qualität der Vorträge in Frage gestellt werden: Jeder einzelne wurde absolut berechtigt ausgewählt und fand hunderte interessierte Zuhörer. Mehr muss man nicht erwarten. Dem Kongress als Ganzes würden neue Elemente dennoch gut tun.
Die Ausstellung
Ein Highlight der Veranstaltung ist – im Prinzip – die begleitende Fachausstellung. Rund um die Tagungszone zeigen Hersteller ihre Komponenten und Bausysteme. Und doch gelingt es seit Jahren nicht wirklich, alle Aussteller zufrieden zu stellen. Das liegt vielleicht an zu hohen Erwartungen mancher Aussteller. Das hat auch mit der kleinlichen Regelung zu tun, dass die Unternehmen zwar stattliche Standgebühren bezahlen dürfen, den Zutritt zur Tagungszone samt Catering aber verwehrt bekommen (oder teuer zukaufen müssen). Das ist einerseits ein „hygienisches“ Problem, erschwert aber auch die Aufnahme und Pflege von Kontakten. Schwierig auch, dass das prallvolle Vortragsprogramm den Kongressteilnehmern wenig Luft gibt, sich um die Begleitmesse zu kümmern. Die künftig stärkere Einbindung der Hersteller in die Tagung wäre wünschenswert, sei es mit mehr organisierten Rundgängen, abgespecktem Vortragsprogramm oder verstärkter Platzierung der Aussteller im Tagungsbereich. Schade auch, dass es seit Jahren fast gar nicht gelingt, Besucher aus der Region für die Ausstellung zu generieren. Wie auch? Jeder Messeveranstalter weiß, dass eine Messe über Jahre eingeführt werden muss. Der „Wanderzirkus“ Passivhaustagung verunmöglicht durch die wechselnden Veranstaltungsorte eine Etablierung. Viele Aussteller beklagen auch, dass zu wenige Werbung für die Ausstellung gemacht würde, die bei kostenlosem Eintritt ausdrücklich auch zur Information der Region gedacht ist.
Was bleibt?
Was bleibt also von der Passivhaustagung 2011? Obwohl es Optimierungsbedarf gibt, werden die meisten Teilnehmer die Tagung für sich als Erfolg verbuchen. Und das völlig zu Recht! Denn die Passivhaustagung hat, wie viele Veranstaltungen dieser Art, eine ganz wichtige Funktion: Bestätigung und Motivation.
Die Passivhaustagung hat, so ist zu hören, über 1000 Teilnehmer aus 43 Nationen nach Innsbruck gelockt (Hoffentlich kommt niemand je auf die Idee, zu berechnen, wie viele Gebäude zu Passivhäusern saniert werden müssen, um den CO2-Ausstoß der per Flugzeug und Auto Angereisten zu neutralisieren.).
Jahr für Jahr brechen also rund 1000 Männer und Frauen aus ihrem meist superstressigen Arbeitsalltag aus, um zur Passivhaustagung zu pilgern, Wissen aufzusaugen, Gleichgesinnte und alte Bekannte zu treffen, sich fachlich auszutauschen und neue Ideen zu kreieren. Sie alle engagieren sich das Jahr über, häufig gegen Widerstände in ihren Unternehmen, bei ihren Bauherren, in ihren Städten, Regionen und Ländern für das Passivhaus. Und ihr Tun gäbe es nicht ohne die Person Wolfgang Feist, der das Passivhaus entwickelt und in den letzten 20 Jahren unermüdlich promotet hat. Er ist auch die zentrale Figur einer jeder Passivhaustagung. Es ist keineswegs despektierlich gemeint, wenn ich sage: Auf der Passivhaustagung holen sich die Engagierten das Schulterklopfen ihres großen Vorsitzenden ab und tanken neue Motivation. Die Passivhaustagung ist ein Fest, auf der die Branche sich selbst feiert und Mut macht. „Yes, we can!“ – Obamas Wahlslogan könnte der Stimmung auf den jährlichen Passivhaustagungen entnommen sein.
Die Passivhaustagung ist und bleibt der große Event der Szene – 2011 in Innsbruck und Anfang Mai 2012 in Hannover. Wir freuen uns darauf!
Johannes Laible
