Nachricht
Passivhaus-Museum in Ravensburg für Sammlung Selinka
Das weltweit erste zertifizierte Museum in Passivhaus-Bauweise entsteht derzeit in Ravensburg. Mit dem zukunftsweisenden Gebäudekonzept aus der Feder des renommierten Architekturbüros Lederer+Ragnarsdóttir+Oei geht der Investor, das Bad Saulgauer Bauunternehmen Georg Reisch GmbH & Co. KG als Bauherr und Vermieter neue Wege im Museumsbau. Nach der Fertigstellung 2012 wird das Haus der modernen Kunst, mit der bedeutenden Selinka-Sammlung als Kern, die Stadt Ravensburg um ein architektonisches Highlight reicher machen.
Vor allem die Tatsache, dass ein Kunstmuseum mit einem Minimum an Fenstern auskommen muss, weil die Gemälde durch künstliches Licht optimal in Szene gesetzt werden, erschwerte die Aufgabe. „Die solaren Gewinne durch Fenster sind für ein Passivhaus eigentlich sehr wichtig“, erklärt Florian Lang, einer der beiden Geschäftsführer von Herz & Lang. „Und die fehlen uns beim Kunstmuseum in Ravensburg.“ Um das auszugleichen, wurde in der Planung größter Wert auf eine absolut luftdichte und hochwärmegedämmte Gebäudehülle gelegt. Zudem ging es darum, Wärmebrücken zu reduzieren, was sich angesichts des geplanten Wandaufbaus als kniffelig herausstellte.
Die Museumshülle wird nämlich als zweischalige Konstruktion ausgeführt. Zwischen die Betonwand und die Außenwand aus alten, recycelten Ziegeln kommt eine 24 Zentimeter dicke Dämmung. Ein Problem stellen dabei die Anker und Konsolen dar, mit deren Hilfe die Ziegelaußenwand am Beton befestigt werden soll, die allerdings für Wärmebrücken sorgen. Die Lösung des Problems: Um den negativen Effekt so gering wie möglich zu halten, muss der Stahlanteil des Befestigungssystems drastisch reduziert werden. „Wir brauchen Spezialanfertigungen, aber damit funktioniert es“, erklärt Florian Lang.
Und das Passivhaus-Konzept wird auch deshalb funktionieren, fügt der Fachmann hinzu, weil die erwarteten 25.000 Besucher - zusätzlich zur Beleuchtung - als lebende Heizquellen selbst im Winter für angenehme Temperaturen in den Ausstellungsräumen sorgen werden. Eine CO2-gesteuerte Lüftungsanlage erzeugt zudem ein perfektes Raumklima und schützt die Gemälde vor Schäden. Das hohe Dämmniveau der Gebäudehülle als Kernstück des Passivhaus-Konzepts schafft ohnehin beste Bedingungen für den Erhalt der Kunstwerke. Dadurch wird eine gleichmäßige Oberflächentemperatur garantiert und vermieden, dass selbst bei einer geforderten Luftfeuchtigkeit in den Räumen von 50 Prozent (plus-minus fünf Prozent) Tauwasserprobleme auftreten. Die Heizung und Kühlung einschließlich der Be- und Entfeuchtung, geplant vom Planungsbüro Vogt und Feist aus Ravensburg, erfolgt über Erdsonden und eine Gas-Absorptions-Wärmepumpe, mit einem sehr niedrigen Primärenergiebedarf, samt Betonkerntemperierung.
Für Professor Arno Lederer ist das neue Kunstmuseum in Ravensburg ein Sinnbild für Dauer- und Nachhaltigkeit im Bauen, nicht nur wegen der Passivhaus-Bauweise. „Ganz wichtig ist auch die Frage, woher die Baustoffe kommen und wie viel Energie für ihre Herstellung verbraucht wird“, findet Arno Lederer. Daher der Einsatz von alten Ziegeln aus Abbruchhäusern, aber auch weil der Einsatz von Ziegeln eine sehr robuste äußere Hülle garantiere. Darüber hinaus wird im neuen Ravensburger Kunstmuseum weitgehend auf Innenanstriche verzichtet. „Mit jedem Anstrich“, warnt Arno Lederer, „holt man sich eine Ökobelastung ins Haus.“
Die Stadt Ravensburg wird das Vorzeigeobjekt zunächst für 30 Jahre vom Investor, der Georg Reisch GmbH & Co. KG, mieten. Dieser beziffert die Mehrkosten aufgrund der Passivhausbauweise auf acht bis zehn Prozent. „Das ist es uns wert“, sagte Andreas Reisch. „Weil wir der Meinung sind, dass das der Weg ist, der gegangen werden muss.“
So sehen das auch die die Verantwortlichen der Stadt Ravensburg, die die Passivhaus-Pläne der Firma Reisch von Anfang an unterstützt haben. Auch wegen der deutlich geringeren Betriebskosten, die die Stadt dadurch zu tragen hat. „Als künftiger Mieter freut es uns natürlich sehr“, so Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp, „wenn die Warmmiete sinkt.“ Rapp geht davon aus, dass sich die Stadt Ravensburg durch die Passivhaus-Bauweise 20.000 Euro pro Jahr an Nebenkosten spart. „Und dazu kommt noch der Imagegewinn für Ravensburg“, fügt der Rathauschef hinzu.
