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Das erste Passivhaus in Japan
Im August 2009 hat eine junge Architektin, Miwa Mori, das erste zertifizierte Passivhaus in Japan realisiert.
Der einfache, aber solide, zweistöckige Bau verfügt über 93 m² Wohnfläche, 4 ½ helle, offene Zimmer und ist für einen Vierpersonen-Haushalt konzipiert. Gebaut wurde das Haus mit gesundheitlich möglichst unbedenklichen Naturmaterialien und mit sehr wenig Grauenergie.
Miwa Mori hat mehrere Jahre bei Planungsbüros in Deutschland und in Irland gearbeitet, die nach Passivhaus-Standard bauen. Sie sammelte Erfahrungen, um diese für ihre Heimat nutzbar zu machen, damit die Menschen dort besser leben und weniger Energie verbrauchen. Die begeisterte Architektin hat ihr erstes Buch „Bauen nach Weltstandard“ 2009 in Japan publiziert. Ihr Lektor war von ihrer Idee derart begeistert, dass er selbst so ein „bestökologisches Haus“ bauen wollte.
Heute erzählt der Bauherr, Taro Hasumi, begeistert vom angenehmen und gesunden Wohnklima in seinem Passivhaus: „Unsere beiden Kinder waren schwere Asthmatiker. Seit unserem Einzug in dieses Haus hatten sie keinen einzigen Anfall mehr! Ende August 2009 sind wir ins Passivhaus eingezogen. Die Kühlung haben wir bisher kein einziges Mal gebraucht. Im Winter heizen wir nur etwa eine Stunde am Abend. Das Haus bleibt dann bis zum Morgen angenehm warm. Ich komme sehr gerne nach Hause!“
Die dicke Hülle hat noch ein weiteres Plus: „Unsere Kinder gelten in der Nachbarschaft als sehr ruhig, obwohl sie im Haus sehr lebendig und laut sind und gerne herumtoben“, schmunzelt Hasumi-San.
Das Haus steht in der Stadt Kamakura, ca. anderthalb Bahnstunden von Tokyo entfernt, befindet sich aber noch immer in der gigantischen Agglomeration. Allein das Bauland (120 m²) kostete hier ca. 900 EUR/m². So blieb für das erste Passivhaus nur noch ein Baubudget netto von ca. 185.000 EUR. Obwohl sich Mori sehr für finanziell tragbare Passivhäuser einsetzt, schien es Ihr zunächst fast unmöglich, mit so wenig Geld ein Passiv-Einfamilienhaus zu bauen.
„So musste ich nach pfiffigen Lösungen suchen. Ich verwendete den Hauptteil der begrenzten finanziellen Mittel für eine optimal isolierte, hochwertige Gebäudehülle. Die Innenausstattung blieb dagegen sehr einfach. Eine sehr kooperative Holzbaufirma hat für dieses erste zertifizierte Passivhaus Japans ohne Honorar gearbeitet. Die Firmenleitung sah hier eine einzigartige Lernchance und Werbung. Subventionen bekam das Haus keine."
Trotz der vergleichbaren Kosten ist der Qualitätsunterschied zwischen dem Haus in Kamakura und einem konventionellen Haus in der Region riesig. Standardhäuser werden in Japan erstaunlich billig gebaut. Sie überleben in der Regel nur 25-35 Jahre, haben vielleicht 5 cm Dämmung und keine Zentralheizung. Im Winter gehört das Frieren im Haus zum japanischen Alltag. Das Passivhaus in Kamakura hingegen dürfte eine Lebensdauer von gut und gerne 100 Jahren erreichen. Hoher Wohnkomfort bei minimalen Energiekosten sind unschätzbare Vorteile.
Grundlage für Frau Moris Berechnungen waren die Klimadaten von Tokyo. Die Region liegt auf ca. 35 Grad nördlicher Breite, die Jahres-Durchschnittstemperaturen bei etwa 16 Grad C. Die Tokyoter Winter sind recht kühl – hin und wieder sinkt das Thermometer auf ca. 0 Grad – aber sonnig. Die Sommer sind heiß und feucht-schwül. Während der Sommermonate werden die meisten Gebäude gekühlt und entfeuchtet, was große Energiemengen verschlingt.
Die Vorgabe des Passivhaus-Institutes in Darmstadt ist auch für Japan max. 15 KWh/m²a für Heizung und Kühlung. Die Klimaunterschiede zu Mitteleuropa erfordern angepasste Lösungen.
Die Minimierung des Energieverbrauchs für Kühlung und Entfeuchtung im Tokyoter Klima erwies sich als Herausforderung. Bis zu einer gewissen Dämmstärke sinken Heiz- und Kühlbedarf, danach aber steigt der Kühlbedarf, weil die Innenwärme nicht mehr schnell genug nach außen entweichen kann.
Nach zahlreichen Planungen und Computer-Simulationen entstand dann schließlich eine optimale Lösung für das Haus in Kamakura: Außenwand 24 cm, Dach 40 cm Holzfaserisolation, sowie Holzfenster dreifach verglast mit einem U-Wert von 0,7. Die Fenster mussten aus Deutschland eingeführt werden, da sie in der gewünschten Qualität in Japan noch nicht hergestellt werden.
Die zweite Herausforderung war die mögliche Kondenswasserbildung in Außenwand und Boden während des Sommers. „Ist's im Sommer drinnen wesentlich kühler als draußen, könnte die hohe Luftfeuchte in der Isolation kondensieren. Das in Japan übliche Winddichtpapier ist aus Polyäthylen und lässt überhaupt keine Feuchtigkeit durch. Ich habe hier eine möglichst diffussionsoffene Konstruktion mit Winddichtpapier aus Deutschland gewählt, damit sich die Feuchtigkeit nach innen bewegen kann.“
Das Passivhaus in Kamakura verfügt über eine Komfortlüftung mit sehr effizienter Wärmerückgewinnung. Das Gerät stammt aus Deutschland. Das Warmwasser wird mit einer Luft-Wärmepumpe aufbereitet.
Für Europäer überraschend ist die hohe Effizienz der zwei Split-Anlage (Airconditioner) japanischer Produktion, welche heizen, entfeuchten und kühlen. Sie arbeiten mit Wärmepumpe und kommen auf eine erstaunliche Leistungszahl COP (Coefficient of Performance) von 6, also werden mit 1 KWh Strom 6 KWh Nutzenergie gewonnen. Japanische Airconditioner wurden in den letzten Jahren tatsächlich zu höchster Effizienz weiterentwickelt. Wichtig ist jedoch auch die optimale Placierung der Geräte. Diese Lösung erweist sich auch als viel preisgünstiger als andere Systeme.
Frau Mori betont aber, dass man im Passivhaus von Kamakura nicht viel kühlen muss. „Normalerweise werden an einem Sommerabend die Fenster zum Lüften geöffnet und damit natürlich gekühlt. Nur an wirklich unerträglichen „Tropentagen“ werden die Airconditioner zur Kühlung und Entfeuchtung eingeschaltet. Die manuelle Lüftung wird von der Berechnungs-Software PHPP nicht berücksichtigt, deshalb dürfte die tatsächliche Kühllast noch etwas niedriger sein als berechnet.“
Wie viel Energie tatsächlich verbraucht wird, und ob der gewünschte Komfort auch erreicht wird ist Gegenstand von Langzeitmessungen. Frau Moris Ziel ist es, künftig ein noch kostengünstigeres, optimiertes Passivhaus für japanische Bedürfnisse und Verhältnisse bauen zu können.
Weitere Informationen: www.passivehouse-japan.org
Text: Kaori Takigawa und Fritz Wassmann
Bild: Key Architects
