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Donnerstag, 17.05.2012

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Brisant und rätselhaft: Kostenstudie der TU Berlin

In einer Studie hat die TU Berlin die Lebenszykluskosten aktueller und früherer Baustandards verglichen und stellt dabei rätselhaft hohe Mehrkosten für das Passivhaus fest.

Veröffentlicht wurde die Studie „Analyse und Vergleich energetischer Standards anhand eines exemplarischen Einfamilienhauses bzgl. Energiebedarf und Kosten über den Lebenszyklus“ im Oktober 2010 in der renommierten Zeitschrift „Bauphysik“ des Verlages Ernst & Sohn. Die Autoren, zwei Professoren und eine Doktorandin der TU Berlin, sind eigentlich über jeden Zweifel erhaben: Prof. Dr.-Ing. Frank U. Vogdt ist Leiter des Fachgebiets Bauphysik und Baukonstruktionen am Institut für Bauingenieurwesen der Uni und beschäftigt sich seit Längerem mit Gebäudestandards. Sein Kollege, Prof. Dr. Bernd Kochendörfer, lehrt und forscht am selben Institut im Fachgebiet Bauwirtschaft und Baubetrieb. Mit der betriebswirtschaftlichen Seite eines Baubetriebs kennt er sich bestens aus, weiß also, wie man die Kosten eines Hauses kalkuliert.

Und dann so etwas: In der Analyse der Lebenszykluskosten verschiedener Gebäudestandards schneidet das Passivhaus am schlechtesten ab. Schlechter als ein Gebäude nach der (mutmaßlichen) EnEV 2012, schlechter als EnEV 2009, schlechter auch als die EnEV 2007. Selbst ein Gebäude, das nach der Wärmeschutzverordnung von 1995 gebaut würde, wäre demnach bezogen auf den Lebenszyklus günstiger als ein Passivhaus.

Das wurde untersucht: Gegenüber gestellt wurden die Herstellungskosten zuzüglich Instandhaltungskosten und Betriebskosten über einen Zeitraum von 80 Jahren. Verglichen wurde außerdem der Primärenergiebedarf der Gebäudestandards. Für die Berechnungen wurde ein virtuelles Mustereinfamilienhaus konstruiert, 3-geschossig mit einer Nettogrundfläche von knapp 200 m² und massiven Außenwänden aus Ziegel oder Porenbeton plus Dämmung. Damit ist die Studie – und darauf weisen die Autoren explizit hin – nicht repräsentativ für alle Gebäudetypen, steht aber doch für ein möglicherweise typisches Einfamilienhaus.

So sehen die Ergebnisse konkret aus

Traumhaft schneidet das Passivhaus beim jährlichen Primärenergiebedarf ab: Für Heizung, Warmwasser und Lüftung errechnen die Forscher jährliche 6 kWh/m²a für ihr offenbar besonders umweltfreundlich betriebenes Passivhaus. Die gemäß PHPP übliche Berechnung mit Haushaltsstrom wurde nicht vorgenommen, dafür wurde der Primärenergiebedarf der Herstellung und Instandsetzung auch berücksichtigt. Hier schon nimmt man verwundert zur Kenntnis, dass das Passivhaus angeblich einen doppelt so hohen Primärenergieeinsatz erfordert wie etwa das Gebäude nach EnEV 2009. Worin dieser extrem hohe Aufwand begründet ist, bleibt offen. In der Gesamtbilanz des Primärenergiebedarfs (Herstellung, Instandhaltung und laufender Betrieb) über den gesamten Lebenszyklus schneidet das Passivhaus immerhin am besten ab – wegen des unerklärlichen Rucksacks der Herstellung aber weniger deutlich als üblicherweise vermutet.

Günstig sind auch die jährlichen Betriebskosten für Heizung und Lüftung: Realistische 1,86 EUR je Quadratmeter und Jahr werden für das Passivhaus berechnet, beim EnEV-2007-Gebäude sind es fast 5 EUR. Wieso das Haus nach EnEV 2012 demgegenüber nur 2,32 EUR je Quadratmeter und Jahr an Betriebskosten fordert, bleibt offen. Hier sinken die laufenden Kosten für Heizung und Lüftung gegenüber der EnEV 2009 um 53 %. Woran kann das liegen? Lässt sich das mit 33 % Senkung des Primärenergiebedarfs (bessere Dämmung und verbesserte Anlagentechnik mit Sole/Wasser-Wärmepumpe) hinreichend erklären?

Das größte Rätsel aber gibt der Vergleich der Herstellungskosten auf: „Wie erwartet“, schreiben die Autoren, „steigen mit zunehmender energetischer Qualität auch die Herstellungskosten.“ So weit so konsensfähig. Eine Grafik erläutert dann, wie diese sich gestalten: Das EnEV-2009-Haus wird in den Kostengruppen 300 (Baukonstruktion) und 400 (haustechnische Ausstattung) für gesamt 168.398 EUR erstellt. Das Passivhaus kostet gut 100.000 EUR mehr, nämlich exakt 278.490 EUR. Das sind – festhalten! – 65,38 % errechnete Mehrkosten des Passivhauses in der Herstellung gegenüber dem aktuellen EnEV-Gebäude. 65 %! Gegenüber der EnEV-2012-Variante soll das Passivhaus knapp 46 % mehr kosten.

Bekennende Passivhausgegner argumentieren gerne mit 15, 20 oder gar 30 % Mehrkosten. Nachgewiesen werden derzeit 5, 8, maximal 10 %. Auch die Budgets der Bauherren sprechen eine klare Sprache: Kein einziger wird sich finden lassen, der seit Einführung der EnEV 2009 bereit war, 65 % mehr für die Erstellung seines Eigenheims als Passivhaus auf den Tisch des Generalunternehmers zu legen.

Ein vernichtendes Ergebnis also, das, nebenbei gesagt, auch die Gesamtkostenbetrachtung über 80 Jahre ruiniert – das Passivhaus soll mit Herstellung, Instandhaltung und Betrieb schlechter abschneiden als alle anderen Baustandards inklusive WschVo 95.

Wie kommen die Autoren zu solchen Zahlen?

Der Artikel in der „Bauphysik“ gibt darauf keine plausible Antwort. Ausgehend von der EnEV-2012-Variante wurden im Berechnungsmodell die Dämmschichten verstärkt und die Anlagentechnik passivhaustauglich gemacht. Dies kann aber kein Grund für die angeblich dramatisch höheren Kosten sein. Stutzig macht der Hinweis, dass durch die stärkere Dämmung und die veränderte Lüftungstechnik der jährliche Primärenergiebedarf gegenüber dem Haus nach vermuteter EnEV 2012 um 90 % sinkt. Ein Fabelwert, den man üblicherweise allenfalls bei der Sanierung eines ungedämmten Bestandsgebäudes erreicht, und der obendrein überhaupt nicht erforderlich ist, um den Passivhausstandard zu erreichen. Hat man also das EnEV-Gebäude dämm- und anlagentechnisch völlig überfrachtet, um es zum Passivhaus auszubauen, und ist dabei weit über das Ziel hinaus geschossen? Der extrem niedrige Primärenergiebedarf von 6 kWh/m²a spricht dafür.

Die Redaktion hat versucht, von den Autoren mehr Informationen zu bekommen. Frank U. Vogdt, erfahren in der Definition von Gebäudestandards, stellte sich auch prompt, konnte aber wenig Erhellendes beitragen: Er betonte noch einmal, dass in der Studie ein einzelnes, konkret definiertes Gebäude berechnet wurde, das nicht repräsentativ für alle Gebäudegrößen und -arten sein kann. Außerdem stellte er heraus, das Fördermittel unberücksichtigt blieben – ein sinnvoller Ansatz, der aber auch bei den bisherigen Untersuchungen, die max. 10 % Mehrkosten des Passivhauses errechneten, so gewählt wurde. Ferner verwies Prof. Vogdt auf die Datenbank Sirados, der man die konkreten Baukosten entnommen habe.

Ein traumhaft niedriger Primärenergiebedarf und alptraumhaft hohe Herstellungskosten: Das Rätsel um diese Studie bleibt vorerst ungelöst. Die Autoren haben versprochen, ihre Zahlen noch einmal zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Es bleibt zu hoffen, dass die Studie einstweilen nicht als Argumentationshilfe gegen das Passivhaus instrumentalisiert wird.

Johannes Laible

 

Freitag, 25.03.2011 10.39 Alter: 1 Years